Equinologie

Mein Besuch der Okakambe Stables in Swakopmund, Namibia

Okakambe – so nennen die Herero und Ovambo das Pferd.

Kathrin Schaefer-Stiege gab ihrer Farm im Westen Namibias diesen Namen. Zwischen Atlantikküste, Namib-Wüste und dem ausgetrockneten Swakop-Flussbett entstand dort ein Ort, der heute weit mehr ist als eine Pferdefarm oder Reitschule. Pferde und Hunde aus dem Tierschutz finden hier ein neues Zuhause und die Möglichkeit, wieder Vertrauen ins Leben zu entwickeln.

Wie gut das gelingen kann, durfte ich selbst erleben – bei einem Ausritt auf der wunderbaren Avanti. Die Stute wurde nach einem Hüftbruch mit Komplikationen am Becken von Kathrin rehabilitiert und behutsam wieder aufgebaut. Trotz ihrer Geschichte trug sie mich ruhig, kraftvoll und ausbalanciert durch das weite Flussbett des Swakop.

Meine Neugier war geweckt. Ich wollte mehr über Kathrins Arbeit erfahren, und so verbrachten wir viele Stunden im Austausch über Pferde, Bewegung, Verhalten und Beziehung. Besonders beeindruckt hat mich die Verbindung aus fundierten Erkenntnissen über die Biomechanik des Pferdes und Kathrins Beobachtungen von Pferden, die auf manchen Farmen Namibias in großer Freiheit und unter weitgehend natürlichen Bedingungen leben können. Es sind Pferde unterschiedlicher Rassen und Größen, die viel Raum haben, sich weitgehend selbstständig behaupten und bis auf die Wasserversorgung in hohem Maß unabhängig vom Menschen leben. Gerade dieser Blick auf das Pferd in seiner ursprünglichen Anpassungsfähigkeit macht sichtbar, wie viele seiner natürlichen Bedürfnisse, Instinkte und Verhaltensweisen auch in unseren domestizierten Pferden weiterwirken — und welche Konsequenzen sich daraus für unser Zusammenleben mit ihnen ergeben.

Das Pferd wird dabei nicht isoliert als Reittier betrachtet, sondern als ganzheitliches Lebewesen – körperlich, emotional und sozial. Daraus entsteht fast zwangsläufig die Frage, wie wir Pferden gerecht werden können, wenn wir sie reiten möchten. Nicht nur körperliche Gesundheit gehört dazu, sondern ebenso die Möglichkeit, natürliche Verhaltensweisen auszuleben und sich emotional sicher zu fühlen.

Ruhe entsteht in Gemeinschaft

Frei lebende Pferde leben in Gruppen. Sicherheit entsteht für sie nicht allein durch die Umgebung, sondern durch die Gemeinschaft der Herde. Während einige Tiere ruhen, bleiben andere wachsam und sichern die Umgebung. So ermöglichen sie einander Ruhe und Schlaf.

Ist eine Gruppe dauerhaft zu klein oder fehlt soziale Stabilität, kann dies zu anhaltender Anspannung führen. Ruhe wird dann fragiler, Wachsamkeit zum Dauerzustand.

Fressen als Selbstregulation

Frei lebende Pferde fressen vor allem dann, wenn sie sich sicher fühlen. Gleichzeitig wirkt das Kauen selbst beruhigend auf das Nervensystem. Dauerhaft verfügbares Futter dient daher nicht nur der Gesundheit des Verdauungsapparats und einer artgerechten Ernährung, sondern ermöglicht den Pferden auch, ihr inneres Erregungsniveau eigenständig zu regulieren.

Gerade bei Pferden, die im Gelände schnell angespannt, wachsam oder „guckig“ werden, kann es deshalb wertvoll sein, ihnen ein Stück dieser Autonomie zurückzugeben. Ihnen zu erlauben, unterwegs immer wieder innezuhalten und zu fressen. Viele Pferde finden über das Kauen leichter zurück in Ruhe und Sicherheit. Gleichzeitig kann auch die Erfahrung, eigene Entscheidungen treffen und die Situation mit regulieren zu dürfen, zu mehr Gelassenheit beitragen: Die Tiere dürfen Selbstwirksamkeit erleben.

Körperhaltung und emotionales Erleben

Wie wichtig eine locker schwingende Vorwärts-abwärts-Haltung für die körperliche Gesundheit des Pferdes ist, darüber wird heute viel gesprochen. Weniger Aufmerksamkeit erhält die emotionale Ebene dieser Haltung.

Pferde geben die erhöhte Wachsamkeit des hoch getragenen Kopfes erst auf, wenn sie sich sicher fühlen. Eine weiche, entspannte Körperhaltung entsteht daher nicht allein aus biomechanischer Korrektheit, sondern aus innerer Ruhe.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen: Was geschieht im Pferd, wenn wir eine solche Haltung erzwingen, bevor Sicherheit und Vertrauen entstehen konnten?

Die Herde als Team

Auch bei frei lebenden Pferden übernimmt nicht jedes Tier dieselbe Aufgabe. Manche Pferde geben Sicherheit, andere reagieren sensibler auf Veränderungen. Die Dynamik der Gruppe beeinflusst das Verhalten jedes einzelnen Tieres.

Bei Ausritten in der Gruppe tun wir daher gut daran, diese sozialen Dynamiken bewusst mitzudenken. Ein nervenstarkes, erfahrenes Pferd an der Spitze kann der Gruppe Orientierung und Sicherheit geben. Ebenso wichtig ist die Position am Schluss: Auch dort braucht es ein ausdauerndes, verlässliches und kluges Pferd, das die Verbindung zur Gruppe ruhig halten kann. In der Herde sind es oft gerade diese unterschiedlichen Rollen — vorne und hinten, leitend und sichernd — die Stabilität ermöglichen. Sensiblere Pferde finden leichter Halt, wenn sie in eine solche sichere Gruppendynamik eingebettet sind.

Den feinen Sinnen der Pferde zuhören

Am meisten berührt hat mich jedoch ein anderer Gedanke.

Pferde, die weitgehend frei leben dürfen, stehen in einer ständigen feinen Wahrnehmung ihrer Umgebung. Kleinste Geräusche, Bewegungen oder Veränderungen werden registriert und überprüft. Nach einer ersten Fluchtreaktion halten die Tiere schon bald wieder inne, um die Situation erneut aufmerksam wahrzunehmen.

Dieses feine Beobachten geschieht nicht in hektischer Bewegung, sondern in Momenten der Ruhe.

Unsere Pferde nehmen ihre Umgebung sehr viel differenzierter wahr als wir. Wir tun gut daran, ihnen genau zuzuhören. Ihnen Zeit zu geben, stehen zu bleiben, zu schauen, zu prüfen.

Und wir dürfen lernen, ihnen innerlich zu vermitteln:

Ich höre dich.
Ich sehe, was dich aufmerksam werden lässt.
Danke, dass du mich auf eine mögliche Gefahr hinweist.
Ich habe mir die Situation ebenfalls angeschaut und übernehme jetzt wieder die Verantwortung.
Wir können weitergehen.
Du kannst mir vertrauen.

Gerade darin begegnen sich für mich die Beobachtungen frei lebender Pferde und die Grundgedanken der Trust Technique®: Beziehung entsteht nicht über Kontrolle, sondern über wechselseitiges Vertrauen, Zuhören, Präsenz und Respekt — in einer Form des Zusammenseins, die Mensch und Tier mehr Gleichberechtigung erlaubt.

So öffnet sich der Raum für eine andere Form des Reitens — nicht gegen die feinen Sinne der Pferde, sondern gemeinsam mit ihnen.

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Das verloren gegangene Gefühl